Von Fliegen, Fröschen, Heuschrecken und anderen Plagen

Israel in Egypt

Hier scheint Händel sämtliche Naturkatastrophen in ein Musikstück gesteckt zu haben. Seine Beschreibungen all dieser schrecklichen Plagen sind sehr ausdrucksstark, man hört die Fliegenschwärme und sieht den dunklen Heuschreckenschwarm auf sich zukommen. John Eliot Gardiner ist ein wahrer Meister, diese verschiedensten Stimmungen zu organisieren, herauszufordern, zu gestalten.
Ich erinnere mich an die Jubiläumshändelfestspiele 1985 in Halle: Ich durfte damals nicht mit in die Konzerthalle, weil wir nicht genügend Karten bekommen hatten. Stattdessen saß ich am Radio und nahm das Konzert mit den „English Baroque Soloists“ live auf unserem alten Kassettenrecorder auf. Ich habe die Orwokassetten noch zu Hause. Ich saß und lauschte und konnte meinen Ohren nicht trauen. Noch nie zuvor hatte ich so eine Präzision in der Ausführung einer musikalischen Linie gehört. Jedes Detail, ja jeder Ton schien seinen perfekten Platz zu haben, nichts war zu viel oder zu wenig, alles paßte zusammen. Und trotz aller kleinen Details gab es die große Linie, sowohl in einzelnen Nummer als auch im Großen und Ganzen. Eine Revolution, ja so und vielleicht nur so sollte man Musik machen! Aber wer kann das? Ich bekam an diesem Abend wohl das sogenannte Barockfieber und es hat mich zum Glück auch bis zum heutigen Tage nicht verlassen. Inzwischen weiß ich, daß es solche Momente auch mit anderer Musik geben kann, aber Händel bleibt für mich persönlich schon etwas ganz besonderes.

Wenn ein Solo-Alt gleich im ersten Chor anfängt, „And the children of Israel sigh“zu singen, da läuft es mir jedes Mal kalt den Rücken herunter. Es kann nicht eindrucksvoller werden, aber es wird, denn nun folgt eine Nummer nach der anderen. Teilweise hat Händel Motive anderer Komponisten, auch älterer verwendet, was der „alten“ Geschichte eine besondere Atmosphäre verleiht. Ich genieße die Oktavmelodien, die manchmal wie Kameltreibergesänge klingen. Oder einen Choreinsatz wie bei Monteverdi, das hat so eine Kraft.

Es ist ganz still im Publikum, vielleicht betrachten die Zuhörer die Musik voller Andacht wie ein großes Gemälde. Im Kloster Eberbach hatte die Aufführung eine ganz besondere Atmosphäre, die wunderschöne Klosterkirche mit Kerzen an den Seiten war bis auf den letzten Platz gefüllt. Leider hört man nur in den ersten Reihen gut, aber für uns war es herrlich, diesen Klang zu genießen. Ganz anders nun gestern abend hier in Lübeck im modernen Konzertsaal. Aber es wurde besser als wir dachten. Die Details kamen klarer zur Geltung, wir konnten uns besser hören.
Lübeck ist wunderschön, vor allem bei diesem blauen Himmel. Das Licht auf den alten Häusern ist herrlich. Ich werde gleich vor der Busabfahrt noch eine Runde gehen. Dann geht es nach Luzern an den See. Vielleicht gibt es heute abend noch Fondue?

2 Gedanken zu „Von Fliegen, Fröschen, Heuschrecken und anderen Plagen“

  1. Bin zwar in der Schweiz im Urlaub habe aber in der Presse das Konzert von Gardiner in Luzern mitverfolgen können und hoffe ein ebenso prächtiges Konzert-Erlebnis in Bonn.

    Mein Vorredner @Martin hat ja schon ebenso Euphorisch über das Konzert berichtet und diese Web-Seite eingehend gelobt, was ich ebenso bestätigen möchte, es sind doch halt immer wieder die Live-Erlebnisse eines Mitwirkenden im Orchesters, die einem hautnah an der Wirkichkeit des Geschehens teilnehmen lassen, dafür gebührt ihnen Frau Schumann allerhöchstes Lob und hoffe auf weitere schöne Konzertberichte.

    Herzlichen Gruß
    Volker

  2. Das Konzert in Luzern, das ich heute abend erleben durfte, hat mich (und alle anderen Konzertbesucher) vom „Hocker“ gerissen. Diese Leidenschaft, diese Dynamik und Präzision, mit der dieses Werk aufgeführt worden ist, ist bemerkenswert und erntete völlig zu Recht Standing Ovations der kompletten Konzerthalle. Ich habe schon wirklich einige Konzerte mit den EBS und dem Monteverdi Choir erlebt, aber es ist das erste Mal gewesen, dass es eine Zugabe gab, obwohl das Werk ja eigentlich in sich abgeschlossen ist.
    Auch sehr schön zu sehen war es, dass die Stimmung in Chor und Orchester offenbar sehr gut ist. Die Gesangssolisten, von denen ich einige zum ersten Mal gesehen habe, wurden von ihren Sitznachbarn im Chor immer mit einem anerkennenden Lächeln begrüßt, wenn sie nach ihren Partien zu ihren Plätzen zurückgekehrt sind.

    Eine sehr interessante und schön gestaltete Seite ist dies hier übrigens! Ich bin gespannt auf weitere Berichte! Weiter so und „gute Reise“ zu den nächsten Aufführungsorten!

    Schöne Grüße,
    Martin

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