Gesichter…

Es war erst 7Uhr am Morgen, als ich gestern im Zug von Wrozlaw nach Dresden saß und die Gesichter um mich herum zu studieren begann. Mein eigenes Gesicht war von der kurzen Nacht noch gar nicht entfaltet, aber das konnte ich ja zum Glück nicht sehen! Wenn man einmal anfängt,  Gesichter anzuschauen, wird es immer spannender. Junge, alte, gepflegte, übergeschminkte, traurige, entspannte… Da gab es z.B. die angespannten, fast bösartigen Gesichter der 3 Polizistinnen, die sich einige Fahrgäste zur Kontrolle der Ausweise ausgeguckt hatten. Das ältere polnische Ehepaar, die verärgert über einen Fehler ihrer Fahrkarte waren. Oder die beflissene Schaffnerin, die 2 weiteren Schaffnern mit Minibar auszuweichen versuchte.( Ja, so ein Aufgebot in einem einfachen RE, alles zum Wohle des Kunden!) Und dann dieses Ehepaar, wo die Frau ein ähnliches Gesicht einer Bekannten von mir trug und ich mich fragte, ob sie wohl verwandt seien. Zwischen all diese Zuggesichter mischten sich (vielleicht auch durch meine Müdigkeit) noch etliche Gesichter aus dem Buch, was ich gerade las. Aber der eigentliche Anlaß dieser Gesichterbetrachtungen war doch unser Konzert in der herrlichen Maria-Magdalena-Kathedrale in Wrozlaw gewesen, wo mir beim Schlußapplaus diese glücklichen Gesichter im Publikum aufgefallen waren. Sie strahlten so, daß es mich richtig berührte. Das hat man selten in dieser Menge. Wie schön, wenn unser Konzert so etwas bewirken konnte, da lohnt es sich, all diese Wege auf sich zu nehmen!!!

Maria-Magdalena-Kathedrale
Maria-Magdalena-Kathedrale Wrozlaw

Zurück zu Hause habe ich gleich einen kleinen Text von Rainer Maria Rilke über Gesichter wiedergefunden, den ich hier noch anfügen möchte:

Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den anderen? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen.-
Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem anderen, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten für immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.
(aus Rainer Maria Rilke – Lektüre für fünf Minuten, Inselverlag)

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