Erinnerungen an Paul Verlaine und André Gide

Dans une rue, au cœur d’une ville de rêve,
Ce sera comme quand on a déjà vècu:
Un instant à la fois très aigu…
O ce soleil parmi la brume qui se lève!

O ce cri sur la mer, cette voix dans les bois!
Ce sera comme quand on ignore des causes:
Un lent réveil aprés bien métempsychoses:
Les choses seront plus les mêmes qu’autrefois

Dans cette rue, au cœur de la ville magique
Où des orgues moudront des gigues dans les soirs,
Où les cafés auront des chats sur les dressoirs,
Et que traverseront des bandes de musique.

Irgendwo in einer Stadt im Traume
ist es so, als ob man schon gelebt:
Einen Augenblick im schwanken Raume–

Sonne da im Nebel, der  sich hebt!

Stimme vom Gehölz und Ruf vom Meer!
Wie ein Grund, auf dem Du nicht erscheinst;
Wie aus langem Schlaf die Wiederkehr
Deiner Seele: und nicht mehr wie einst

Sind die Dinge an dem magischen Orte
Wo des Abends Orgeln Tänze hämmern,
Katzen in Cafés auf Tischen dämmern;
Und Musik durchzieht Gewölb und Pforte.

Ausschnitt aus Verlaine Kaleidoskop

Nicht, dass ich das etwa alles verstehen könnte, aber ich habe mich plötzlich an all diese Gedichte und Erzählungen von Verlaine und Gide erinnert, die mich vor vielen Jahren so unglaublich fasziniert hatten und die mich irgendwie immer weiter begleiten. Damals war ich so erschüttert bei den Romanen von André Gide, dass ich  es kaum aushalten konnte, sie zu lesen und dennoch mußte ich es tun. Wie komisch das manchmal ist.

Und heute in der Hauptprobe war es auch soweit: John Eliot Gardiner hatte uns ja gewarnt, dass das Stück gefährlich ist, weil es in einem selbst anfängt zu arbeiten. Nun ja, das ist bei mir ja meistens mit Opern so. Man lebt irgendwie für eine Zeit in einem Stück, das gefällt mir so am Oper spielen… Aber heute hatte ich begonnen, mehr auf den Text zu achten, mehr zu verfolgen, was passiert und da ging es mir plötzlich wahnsinnig nahe. Obwohl ich sehr mit Zählen beschäftigt war und wie schon erwähnt das eigentliche Musizieren sehr auf Details beschränkt ist. Das war es also nicht. Es ist die gleiche Empfindung wie damals in meiner Jugend bei Gide, irgendeine besondere Traurigkeit, Melancholie, die mich aber wahnsinnig anspricht. Nicht umsonst sind diese Leute ja berühmt geworden. Und irgendwie schließt sich da auch der Kreis der französischen Musik, denn was Lully, Rameau und die anderen an unglaublicher Melancholie komponierten, kann wohl kaum ein anderer in dieser Weise nachahmen. das ist eben FRANZÖSISCH. Und beim Berlioz war es auch so. Eine Klarinette mit wiederholten einfachen Seufzer brachte uns zum Weinen.
Ich habe heute in einem Buch ein interessantes Zitat gefunden, wo Debussy auf Wagner anspielt: “ Eine hitzige kleine Klarinette ruft Leidenschaften hervor, ein Tam-Tam weckt Schrecken…und das ist alles! Kein eigenes Festspielhaus, kein verdecktes Orchester. Nichts als instinktives Bedürfnis nach Kunst, das sich auf einfallsreiche Weise befriedigt, keine Spur von schlechtem Geschmack!“ Offensichtlich konnte auch er Wagner nicht besonders leiden, obwohl einiges wenige danach klingt.
Ich bin gespannt, wie die Generalprobe morgen verläuft, schade, dass die Proben damit schon zu Ende sind, aber wir haben ja vor jeder Vorstellung noch eine kurze Anspielprobe, in der imer noch was verbessert wird.

Viele fragen mich, wieso ich als Barockbegeisterte und kinnfreie Geigenspielerin nun so etwas wie Debussy empfinde. Nun ja, erstmal schon ganz anders. Zum Glück erinnert man  sich schnell an frühere Zeiten und meine Jahre im Gewandhaus Leipzig helfen für eine gewisse Orchesterroutine schon sehr. Was eigentlich am anstrengendsten ist, sind die vielen kleine Anmerkungen auf jeder Note. beim Barockspielen ist man viel mehr daran gewöhnt, vieles selbst zu gestalten, da hat der Komponist das Wissen der Spieler vorausgesetzt, aber hier gibt es viele Zeichen, crescendi und decrescendi und vieles, was das Gehirn dann erstmal verarbeiten muß. Und es fällt sehr auf, wenn man es nicht oder falsch macht. Wir sind immer noch oft zu laut und das deckt vieles auf. Instrumentierungen wurden teilweise entschlackt, so dass man wirklich alles hören kann. Die Bläser sitzen zwischen uns, so dass die Geigengruppen auch nicht ganz eng beieinander sind. Das ist aber gerade spannend. Was ich persönlich am interessantesten finde ist die Klangmalerei. Das fordert mich heraus und das ist eigentlich das Gleiche, was ich, wenn auch in anderer Art, auch im Barockspiel versuche. Ich denke z.B. an die Rosenkranzsonaten, wo ich auch versuche, die jeweilige Geschichte mehr als Bild als als Geigensonate darzustellen. Und somit passt Debussy sehr gut in meine Linie.

Die Monate

Marcolini-Palais
Marcolini-Palais

Es war wirklich ein sehr schönes Konzert am Dienstag im Marcolini-Palais in Dresden Friedrichstadt. Die Monate September bis Dezember gestalteten wir mit Musik von Simpson, Werner und Erich Kästner. Gambiges von 1660 aus England, Lustiges von 1748 aus Eisenstadt von Haydns Vorgänger und die wunderschönen Gedichte von Erich Kästner, die ich sehr mag.

Hier eine kleine Kostprobe:

Der Oktober

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber scheint, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter. Bleib nicht stehn.
Kehr nicht um, als sei’s zu viel.
Bis ans Ende mußt du gehen.
Hadre nicht mit den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Geh nicht wie mit fremden Füßen,
und als hätt’st du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Laß den Herbst nicht dafür büßen,
daß es Winter werden wird.

(Ausschnitt aus „Der Oktober“ aus den 13 Monaten von Erich Kästner)

Gesichter…

Es war erst 7Uhr am Morgen, als ich gestern im Zug von Wrozlaw nach Dresden saß und die Gesichter um mich herum zu studieren begann. Mein eigenes Gesicht war von der kurzen Nacht noch gar nicht entfaltet, aber das konnte ich ja zum Glück nicht sehen! Wenn man einmal anfängt,  Gesichter anzuschauen, wird es immer spannender. Junge, alte, gepflegte, übergeschminkte, traurige, entspannte… Da gab es z.B. die angespannten, fast bösartigen Gesichter der 3 Polizistinnen, die sich einige Fahrgäste zur Kontrolle der Ausweise ausgeguckt hatten. Das ältere polnische Ehepaar, die verärgert über einen Fehler ihrer Fahrkarte waren. Oder die beflissene Schaffnerin, die 2 weiteren Schaffnern mit Minibar auszuweichen versuchte.( Ja, so ein Aufgebot in einem einfachen RE, alles zum Wohle des Kunden!) Und dann dieses Ehepaar, wo die Frau ein ähnliches Gesicht einer Bekannten von mir trug und ich mich fragte, ob sie wohl verwandt seien. Zwischen all diese Zuggesichter mischten sich (vielleicht auch durch meine Müdigkeit) noch etliche Gesichter aus dem Buch, was ich gerade las. Aber der eigentliche Anlaß dieser Gesichterbetrachtungen war doch unser Konzert in der herrlichen Maria-Magdalena-Kathedrale in Wrozlaw gewesen, wo mir beim Schlußapplaus diese glücklichen Gesichter im Publikum aufgefallen waren. Sie strahlten so, daß es mich richtig berührte. Das hat man selten in dieser Menge. Wie schön, wenn unser Konzert so etwas bewirken konnte, da lohnt es sich, all diese Wege auf sich zu nehmen!!!

Maria-Magdalena-Kathedrale
Maria-Magdalena-Kathedrale Wrozlaw

Zurück zu Hause habe ich gleich einen kleinen Text von Rainer Maria Rilke über Gesichter wiedergefunden, den ich hier noch anfügen möchte:

Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den anderen? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen.-
Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem anderen, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten für immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.
(aus Rainer Maria Rilke – Lektüre für fünf Minuten, Inselverlag)