Edinburgh: Bach gegen Händel?

P1030638

In unserem Konzert in der herrlichen, klangschönen Usher-Hall in Edinburgh waren Werke von Bach und Händel zu hören. Zuerst kam es mir etwas eigenartig vor. Wollte man hier die beiden großen Meister gegeneinander kämpfen lassen? Zumal die ausgewählten Werke ja durchaus auch kämpferischen Charakter hatten. Bachs Kantaten zum Fest des Heiligen Michaels gehören seit dem Pilgerjahr 2000 zu meinen liebsten Bachkantaten. Da streiten die Engel, da blasen die Trompeten in lauten, schmetternden, aber auch in leisen beschirmenden Tönen. Die Chöre sind voller Energie und Triumph über die bösen Mächte und die rasende Schlange. Ein Aufgebot an Klang und Virtuosität. Dazu erklang vor der Pause nur der erste Teil aus Israel in Egypt. Die Darstellung des Auszuges aus Egypten, die verschiedenen Plagen, von denen ich ja schon schrieb. Ich hatte den Eindruck, daß das Publikum vielleicht gerade die extremen Unterschiede dieses Programmes geniessen konnte. Zum Spielen war es jedenfalls nicht leicht, aber es war ein sehr eindrucksvoller Abend, auch für uns Mitwirkende. Edinburgh selbst ist sehr beeindruckend. Zum Glück konnte ich schon einen Tag früher hinfahren und wenigstens ein bißchen herumlaufen.
Noch eine Restaurant-Empfehlung für Vegetarier: Durch Zufall gelangten wir zu David Banns vegetarischem Restaurant in der St. Mary’s Street, absolut „delicious“!!!

San Sebastian

Zurück im wolkigen, windigen London habe ich doch das Gefühl, dass unser kurzer Ausflug nach San Sebastian die Sache wert war und sich auch die lange Reiserei gelohnt hat.

Auf der Busfahrt vom Flughafen in Bilbao nach San Sebastian war ich wieder verblüfft, wie viele grüne Berge es in diesem Teil Spaniens gibt. Allerdings verschleierten tiefe Wolken wie Nebelschwaden die Sicht: ES REGNETE!!! Es war wie bei meinem ersten Aufenthalt, damals schüttete es so, dass ich nur Hotel und Konzerthalle kennenlernte. Der Konzertsaal ist sehr schön, aber von außen sieht er leider wie ein hässlicher Kasten aus. Das Meer ist direkt daneben, auch ein Strand. Es erinnerte mich an unsere Tour 2006 mit Mozart nach Teneriffa und Las Palmas. Dort waren die Konzerthallen unglaublich beeindruckend. Auf meiner Homepage sind einige Fotos davon zu finden.

Diesmal war der Regen am nächsten Morgen zum Glück verschwunden. Wir hatten eine kurze Probe, wieder gab es neue Solisten im Chor, was mich ja sehr beeindruckt … Als wir dann durch die Stadt schlenderten, kam die Sonne immer mehr heraus. San Sebastian hat schöne Ecken. Die Lage am Meer ist reizvoll. In der Altstadt gibt es einen großen Platz, der früher zum Stierkampf genutzt wurde (Plaza Constituzion). Alle Balkone der Häuser haben eine Nummer. In einer Ecke fanden wir dort eine ausgezeichnete Tapasbar. Sie heißt ASTELENA und befindet sich links hinten, wenn man die Uhr im Rücken hat. Alles, was man sich denken kann, wurde dort angeboten und das Auswählen fiel echt schwer. Die Froschschenkel fotografierte ich aus aktuellem Anlass nur. Ich entschied mich lieber für Scampis, spanische Würstchen und einen interessanten Spieß mit grüner Paprika, Schinken und Austernpilzen. Alles wurde gegrillt und noch wunderbar mit verschiedensten Soßen dekoriert. Wir saßen auf dem Platz und genossen den spanischen Sommer. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich herumspazierend mit drei Dingen: Ich buchte einen Zug für Ende November, somit habe ich fast alle Reisen für den Herbst organisiert, ich besichtigte das Aquarium, was mich sehr beeindruckte und ich genoss ein großes Eis am sonnigen Hafen. Das Konzert wurde sehr gut. Ich war wieder erstaunt, wie ruhig und aufmerksam (selbst!) das spanische Publikum war. Die berühmte Stecknadel hätte man auch in diesem Konzert wieder fallen hören können…

Oft werden wir Musiker beneidet, dass wir so viel reisen können. Ja, oft ist es auch wirklich beneidenswert. Wir dürfen in Hotels wohnen, die wir uns sonst nie leisten könnten. Wir haben zwischen den Proben Zeit, uns als Touristen die Städte an zu sehen. Aber es ist gefährlich, zu sehr in diese Urlaubsstimmung zwischendurch zu kommen, denn leicht verliert man dann am Abend auf der Bühne die Konzentration. Freie Abende auf Reisen sind wahre Geschenke! Sehr oft sehen wir auch gar nichts von den Orten: Flug-Probe-Konzert-Schlafen-Flug-Probe-Konzert-wenig Schlaf-Flug…. Ich ärgere mich immer, wenn wir einen weiten Weg zurückgelegt haben und dann einfach keine Zeit bleibt, den Ort zu erkunden oder wenigstens einen Kaffee auf einem schönen Platz zu trinken … Manchmal muss man sich dann schnell entscheiden: Essen? Spazierengehen? Oder doch noch ein wenig schlafen?

Aber wie gesagt, diesmal war es sehr gelungen, ich konnte sogar heute früh noch eine große Runde vor der Busabfahrt  drehen.
Nun wird zu  Bach gewechselt. Wir spielen in Edinburgh meine Lieblingskantaten für den heiligen Michael.
ES ERHUB SICH EIN STREIT!

Fête de la musique und Fado

Draußen toben noch die Massen, obwohl es schon weit nach Mitternacht ist. Heute war überall in Paris Musik zu hören, gute und schlechte und vor allem teilweise viel zu laute. So auch gerade jetzt vor meinem Fenster… Ich finde die Idee der Musik überall eigentlich so toll, aber die Verstärker sollten verboten werden. Da kann man auch keine Gruppe mehr von der anderen unterscheiden, schade! Aber es gibt auch echt lustiges, vorhin lief ein junger Geiger sehr virtuos spielend  die Straße entlang, seine Freundin trug den Kasten.

Orchester und Chor waren bei Georg & Odette eingeladen, da wurde auch gesungen und musiziert und wieder einmal dachte ich, wie schade es doch ist, daß wir als Instrumentalisten nicht einfach mal so was spielen können, auf der Straße und aus Spaß… Ja, Georg & Odette sind zwei ganz besondere Menschen, die mit meiner Idee, für andere etwas darzubieten sehr übereinstimmen. ich lernte sie 2006 bei einer meiner  schönsten Reisen mit den „English baroque soloists“ in „Les canals“ in der Nähe von Rodez kennen. Wir spielten und sie kochten, das war unglaublich. In Paris haben sie ein Restaurant, „Le Vieux Paris“ direkt hinter Notre Dame. Leider hatte ich heute den Fotoapparat vergessen, aber es gibt ein paar Bilder auf der Website: www.wildwomanwildfood.com

Um nicht die ganze Zeit dort herumzusitzen ging ich zwischendurch eine Runde und sah mir im Kino eine Dokumentation über Fado an, weil ja heute sowieso so viel Musik überall ist. Der Film von Carlos Saura hat mich sehr beeindruckt. Die Gesichter beim Singen und diese angenehme Melancholie und Traurigkeit, das möchte ich doch nochmal live erleben.

Hier ist ein kleiner Ausschnitt, der aber leider durch die relativ schlechte Qualität nicht so wirkt wie vorhin auf der Kinoleinwand.

So, jetzt versuche ich mal zu schlafen, mal sehn, wie lange es noch trommelt, die Disco direkt unter mir hat aufgehört…